Schwestern in Architektur und Geist


Am 14. September, dem Tag des offenen Denkmals, öffnete die Alte Nazarethkirche auf dem Leopoldplatz  ihr Mitteltor, um interessierten Besuchern außerhalb des Gottesdienstes einen Blick in ihre Räumlichkeiten zu ermöglichen.

Die Nazarethkirche gehört, wie St. Johannis, zu den vier Vorstadtkirchen, die der Baumeister Karl Friedrich Schinkel von 1830 bis 1835 bauen ließ. Diese beiden architektonischen Schwesterkirchen glichen sich stark: beide Kirchbauten wurden als  Ziegelrohbauten ausgeführt. Oberhalb des dreitorigen Eingangsbereichs schmückt - hier wie dort - eine Rundfensterrosette die Fassade. Der Blick auf die Alte Nazarethkirche erleichtert die Vorstellung, wie St. Johannis ohne die Erweiterungen Stülers und Spittas ausgesehen hätte.

Betritt man den Bau heute mit kirchenheimatlichem Bauchgefühl, so findet man sich unerwartet zunächst vor einer abweisenden Stahltür. Die Nazarethkirche wurde nämlich schnell zu klein für die stark wachsende Gemeinde und schon 1893 nicht mehr als Gotteshaus genutzt - seit direkt hinter der Alten Nazarethkirche die große Neue Nazarethkirche errichtet wurde. Der ursprüngliche Kirchenraum wurde daraufhin auf Höhe der Ballustraden durch eine Zwischendecke in zwei Ebenen geteilt. Auf der unteren Ebene, hinter der Stahltür befindet sich seit langem ein Kindergarten.

Heute besucht die nur noch etwa 3200 Glieder umfassende Kirchengemeinde wieder die Alte Nazarethkirche. Auf der oberen Ebene werden Gottesdienste abgehalten - der aufwendig restaurierten, sternenverzierten Decke beeindruckend nah, die sich in St Johannis leider nach ihrer Kriegszerstörung nicht mehr findet. Auch die ursprüngliche Größe des Innenraums von St. Johannis läßt sich hier ermessen.

Fazit: Nicht nur für Freunde Schinkels und seiner Bauwerke ein lohnenswerter Besuch - für die Freunde unser St. Johanniskirche eine besondere, architekturgeschichtliche Zeitreise.


MARTINA KNOLL

(fotos:knoll)