Moabit gewährt Kirchenasyl


Die Heilandskirche war offen und die Flüchtlinge kamen und baten um unsere Hilfe.         Um Kirchenasyl.

Eine achtköpfige Familie aus Tschetschenien, eingereist über Polen, dann im Flüchtlingsheim in der Levetzowstraße untergebracht, von dort als Kontingent in ein Heim auf Rügen gesandt, wollte zurück nach Berlin. Denn hier fand der schwer traumatisierte Vater im Behandlungszentrum für Folteropfer Menschen, die sich seiner annahmen. In Polen und auf Rügen war dieses nicht möglich.

Viele Asylbewerber bitten um eine Unterbringung in Großstädten und Ballungsräumen, da sich ihr Leben hier im Rahmen der vorgegebenen gesetzlichen Regelungen weniger schwer organisieren lässt als in ländlichen Räumen. Städte versprechen ihnen ein wenig Freiheit und ein wenig mehr Toleranz.

Kirchenasyl hat unter Christen eine lange Tradition. Es wird Flüchtlingen ohne legalen Aufenthaltsstatus gewährt, wenn ihnen im Herkunftsland Folter oder Tod droht. Die Informationen hierzu werden über nicht staatliche Stellen in den betreffenden Ländern beschafft, um die Angaben der Antragsteller zu überprüfen. Kirchenasyl kann aber auch gewährt werden, wenn die Abschiebung mit nicht hinnehmbarer sozialer, inhumaner Härte verbunden wäre, einem Fakt, der bei der staatlichen Beurteilung des Asylantrags weniger Beachtung findet.

Die aktuellen Berichte in den Medien über unzumutbare Zustände in Flüchtlingsheimen in Nordrhein-Westfalen mögen nur die Spitze eines Eisbergs der Verletzung von Menschenwürde in der staatlich praktizierten Flüchtlingspolitik sein. Viele Heimleitungen verweigern den Bewohnern trotz für sie völliger Kostenfreiheit Angebote, die integrativ wirken könnten, wie Förderung des Spracherwerbs oder musikalische Früherziehung. Flüchtlingsheime sind für ihre Betreiber häufig nur lukrative Wirtschaftsunternehmen.

Es ist richtig, dass die Familie, der unser Pfarrsprengel Kirchenasyl gewährt, laut der Dublin-Verordnung zurück nach Polen als sicherem Drittland kehren müsste, denn Flüchtlinge können in Europa nicht selbst bestimmen, in welchem Land ihr Asylverfahren durchgeführt wird. Hält man sich als Flüchtling aber länger als sechs Monate in einem Land auf, so geht das Asylverfahren an diesen Staat über. Hierauf hoffen viele Flüchtlinge, wenn sie nach Deutschland kommen.

Ist das nicht ein Vertrauensbeweis in unseren heutigen Staat, mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit? Ist es nicht vorbildlich in Europa, dass wir ein Sozialsystem haben, das sich auch dieser Fälle annimmt? Bietet Migration nicht auch eine Chance?

Der Pfarrsprengel Tiergarten möchte diese Chance geben und „unsere“ Familie nutzt sie. Untergebracht in einer Einrichtung, deren Betriebskosten durch die fünf kirchlichen Gemeinden getragen werden, kann der Familienvater seine Therapie fortführen, besuchen zwei der sechs Kinder zwischen einem und zehn Jahren begeistert eine Schule. Der Bruder im Vorschulalter würde ihnen gerne nacheifern, aber es hat sich leider noch keine Vorschuleinrichtung bereiterklärt, ihn aufzunehmen. Es haben sich aber erfreulicherweise einsatzkräftige Paten gefunden, die die Familie nicht nur auf ihren täglichen Wegen begleiten. Woran es mangelt, sind finanzielle Mittel für den täglichen Bedarf, denn die wurden mit der Aussprache des Kirchenasyls offiziell umgehend gestrichen.

Es ist nicht absehbar, wie es weitergeht. Nicht mit dieser einen Familie, nicht mit dem Zustrom auf Berlin, nicht mit den weltweiten Flüchtlingsbewegungen. Aber das sollte kein Grund sein, als Christen Nächstenliebe mit dem Blick auf staatliche Zuständigkeiten konsequent zu verweigern.


Herzlichen Dank an Pfarrer i.R. Quandt, Mitbegründer des Vereins "Asyl in der Kirche",  für den in St. Johannis veranstalteten Informationsabend, der viele neue Denkanstöße gab.

MARTINA KNOLL