Kirchenküche ohne Leitung

 


Frau Blochel war in St. Johannis eine Institution. Zuverlässig beherrschte sie die Kirchenküche und duldete dabei nur ungern jemanden neben sich. Sie deckte über Jahre vor dem Gottesdienst die Tische für das anschließende Kirchencafé, dessen ganzes Wirken in ihrer Hand lag. Pünktlich zu Beginn des Gottesdienstes erschien sie dann im Kirchenraum, zündete eine Kerze an, bevor sie sich auf eine der westlichen Bänke setzte. Auf immer denselben Platz, praktisch jeden Sonntag. Und wenn sie tatsächlich einmal nicht konnte, dann blieb ihr Platz in der Küche nicht leer. Gerne wurde sie vertreten, aber jeder akzeptierte: Wenn sie wieder da ist, dann ist das ihr Revier!

Wie alt sie war, ist nur schwer zu schätzen. Ihre vermutlich Zweit-Frisur erinnerte ein wenig an die Mode der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch die vielen Altersfalten legen die Vermutung nahe, dass Frau Blochel zu dieser Zeit jung war. Aber kaum einer weiß da Genaues.

Das letzte Mal traf ich Frau Blochel beim Open-Air-Gottesdienst im Kirchgarten zu Himmelfahrt. Mit so  vielen Besuchern hatte sie nicht gerechnet und schon gar nicht damit, dass alle es an diesem schönen Tag nicht eilig hatten, nach Hause zu kommen und statt dessen zu Kaffee und Kuchen blieben. "Wie die Hyänen sind sie über meine Kekse hergefallen!", klagte sie, als ich zu spät zu ihrer Verköstigung kam. Doch den halben Keks, den sie für sich selbst reserviert hatte, teilte sie mit mir.

So war sie vielleicht: rauh und direkt, manchmal abweisend und unnahbar, aber mit einem guten Herz, das jetzt nach einem Schlaganfall seinen Dienst nicht mehr aufnehmen wollte.
Frau Blochel starb am 25. Juni. Die Bestattung wird am Dienstag, dem 16. August, um 11 Uhr auf dem Friedhof in Gatow stattfinden.

Der Gemeindebus ist reserviert, falls sich eine Gruppe findet, die an der Beisetzung teilnehmen möchte.
Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit herauszufinden, wer Frau Blochel wirklich war.

 

MARTINA KNOLL